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Pause

28.07.2010

Ruhetag in Kirkwall

Gemütlich ließ ich es angehen. So spät wie heute bin ich vermutlich auf meiner ganzen Reise noch nicht aufgestanden. Meine Zimmergenossin Jane  machte es mir leicht, schlief sie sogar noch länger als ich und wachte laut eigener Aussage nicht mal von den normalen ‘Krusteln-im-Gepäck”-Geräuschen auf.

Der Blick nach draußen zeigte einen ganz anderen Himmel, als ich ihn am Vortag hatte: mit dichten, regenschweren Wolken bedeckt. Also perfekt für einen Tag, der ohne große Heldentaten geplant zu haben verstreichen durfte. Deswegen heute keine Fotos: der Tag war so trüb, da werden Fotos auch nicht so toll.

Kirkwall ist trotz des Standortes so hoch im Norden und trotz der gestern empfundenen ziemlichen Einsamkeit der Orkneys allgemein ein recht nettes, lebhaftes Städtchen. Immerhin steht auch hier eine recht eindrucksvolle Kathedrale und sogar ein Bischofspalast steht wenn auch nicht mehr ganz komplett neben dran. Ich entschied mich aber zuerst für einen Gang ins Museum, wo man einiges über die Geschichte der Besiedlung der Orkneys erfahren sollte.

Und ich war sehr überrascht, positiv. Zum einen war das Museum selbst sehr sorgfältig und abwechslungsreich gestaltet, zum anderen hätte ich nie gedacht, dass auf diesen Inseln seit ca. 6000 Jahren recht viel los ist. Die ersten Siedler kamen also schon um 4000 vor Christus auf die Inseln. Die ältesten Gebäudereste, die man gut erhalten freigelegt hat, sind zeitlich noch vor den ägyptischen Pyramiden entstanden!

Zu allen Zeiten konnte ein recht zahlreiches Völkchen gut leben. Der Boden ist gut, die Gewässer (früher zumindest) fischreich, und Probleme mit Dürreperioden gab es hier wohl nie… Der Wohlstand lockte denn auch (später) zahlreich ungebetene Besucher aus dem Osten an: die Wikinger waren hier oft beim ‘Shoppen’ und viele blieben denn auch. Man sprach hier sogar mal deren Sprache, also quasi norwegisch. Der Kultur, die heute noch mit viel Kunsthandwerk gepflegt wird, sieht man diesen Wikinger- bzw. norwegischen Einfluss an. Nicht zuletzt die Kathedrale selbst ist einem norwegischen Heiligen gewidmet und der romanisch-normannischen Einfluss selbst für das einigermaßen ungeübte Auge erkennbar.

Auch die Christianisierung kam überraschend früh an: im 6./7. Jahrhundert waren die Orkneyaner bekehrt und hatten im Mittelalter immerhin 48 Hexenprozesse, von denen 12 wohl nachweislich zur Vollstreckung gelangten.

Und wenn man gedacht hätte, so weit im Norden fand bestimmt kein 2. Weltkrieg mehr statt – weit gefehlt. Der erste zivile britische Kriegstote war auf der Hauptinsel zu beklagen! Die Deutschen waren ziemlich scharf auf den sog. Scapa Flow, hat er doch scheinbar große strategische Bedeutung. Das ist das Becken, was die südlichen Inseln bilden. Deswegen baute man mit Hilfe von italienischen Kriegsgefangenen Dämme, die sog. Churchill Barriers, die die südlichen Inseln miteinander verbinden und die den Durchgang nach Osten dicht machen. Über diese Dämme bin ich gestern geradelt, man sieht auf einem der gestrigen Fotos sogar noch einen.

Das war wirklich ziemlich interessant, und eine gute Abwechslung zum normalen Sport- und Landschaftsprogramm. Danach gönnte ich mir eine lockere Shopping- und Café-Runde, auch hier wird den zahlreich vvorhandenen Touristen ganz nett was geboten. Im Obergeschoss des St. Magnus-Cafes war eine Kunsthandwerk-Ausstellung, wo lokale Erzeugnisse ausgestellt wurden. Nicht alles mein Geschmack, aber garantiert alles China-frei. Eine Verlosung einiger Stücke gab es auch. Ich nahm nicht dran teil, war doch der Hauptpreis ein typischer Orkney-Stuhl mit aus Haferstroh geflochtener Rückenlehne. Wie hätte ich den auf mein Rad schnallen sollen?

In die St.-Magnus-Kathedrale bin ich natürlich auch noch. Nach der von York glich das Raumerlebnis allerdings eher das eines Gartenhäuschens. Ganz deutlich sieht man jedoch die skandinavischen Einflüsse, es lag sogar eine norwegische Bibel aufgeschlagen auf dem Altar.

Am späten Nachmittag zog es mich wieder Richtung Hostel, wo man sich echt zu Hause fühlen kann. Das nächste Land, Norwegen, steht unmittelbar bevor und da muss ich mich drauf vorbereiten: erste Übernachtung in Bergen, wo gibt es das Infomaterial, usw. In einem anderen Land ist doch immer irgendwie alles anders…

6 Comments leave one →
  1. Melanie permalink
    29.07.2010 17:06

    Hi Dagmar,
    ich beneide Dich! Regelmäßig les ich Deine Einträge und krieg Fernweh!
    Meinen letzten Arbeitstag als “Arbeitnehmer” habe ich hinter mir, jetzt erstmal vier Wochen Urlaub – also Zeit mich brav für meine Selbständigkeit zu “rüsten”, Häuser zu bauen, u.ä.😉
    Ich wünsch Dir eine ganz tolle Zeit!
    Liebe Grüße, Melanie

    • 29.07.2010 19:09

      Yeah! Ich bin mal gespannt, was bei Deinem alten Arbeitgeber so los sein wird, wenn ich weider da bin😉 Erst mal alles Gute!

  2. 29.07.2010 12:53

    ACHTUNG!!!
    Aus eigener Erfahrung kann ich Dir sagen, dass Du in Norwegen erstmal wieder umlernen musst: dort fährt man RECHTS! Es dauert ein paar Tage, aber dann fährst Du auch morgens gleich auf der richtigen Seite los und musst nicht hektisch beim Erscheinen des ersten Autos die Straßenseite wechseln.

    • 29.07.2010 19:03

      O_o, das geht bestimmt ein paar mal schief, das weiß ich jetzt schon. Könntest du mich die nächsten Tage vormittags ansmsen?

  3. Hamleys permalink
    29.07.2010 09:59

    Hallo Dagmar,
    bin ganz zufällig über Stephans “Tool Blog” auf die “Nordseerunde” gestoßen und finde sie super!! a) es zu machen und b) so amüsant und anschaulich darüber zu schreiben.
    Schade, daß Sie Shetland so schnell wieder verlassen wollen – für mich ist es einer der schönsten Plätze der Welt! Noch einsamer und “norwegischer” als die Orkney Inseln, aber wundervolle Landschaft! War schon 3x dort http://www.flickr.com/photos/hamleys/sets/72157601191345696/ und fahre bald wieder hin.
    Alles Gute jedenfalls für die bevorstehenden Fährfahrten und weiterhin möglichst wenig Regen, Wind aus der richtigen Richtung und viel Spaß!!
    Hamleys

    • 29.07.2010 19:08

      Was für schöne Fotos, danke für den Link, das macht mir den Mund ganz wässrig. Ich komme bestimmt noch mal her mit mehr Zeit, mein Zeitplan ist ja ein wenig eng gestrickt… Gruß Dagmar

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