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Fähre fahren

24.07.2010

Inverness – Cromarty – Nigg – Tain – Carbisdale Castle

96 km

Der Beginn dieses Tages war schon sehr speziell: Sehr früh war ich aus meinem Hostelbett aufgestanden um mal wieder einigermaßen beizeiten auf der Piste zu sein. Um kurz nach sieben stellte ich dann fest, dass die Self-Catering-Küche bis acht Uhr abgeschlossen war. Also nichts mit eigenem Müsli. Nun gut, es gibt hier ja immer Pubs, die schon recht fürh Frühstück servieren. Also alles packen, das Pferd satteln und nachsehen, was Inverness so an Frühstückspubs zu bieten hat.

Das Ergebnis war niederschmetternd: Inverness scheint sich nicht an die britischen Sitten zu halten. Ich irrte durch die Straßen und fand nichts vernünftiges. Dann doch noch mal mit dem Rad über die Brücke gefahren – gott sei Dank, wenigstens ein Hotel.

Es war für meine Tage alte Radlerkluft allerdings obere Messslatte – ziemlich edel, viele offensichtlich sich wenig um Geld sorgende Schweizer waren zugegen. Ich fragte, ob ich frühstücken dürfe. Die Dame an der Rezeption meinte , kein Problem, für 13,95 GBP. War ja schon recht teuer, aber ich hatte ja keine Wahl. Nach Inverness taucht man ins idyllische Niemandsland ein, wo es oft maximal die berühmte Telefonzelle hat.

Ich also in den Frühstücksraum, wurde sofort an den Supervisor vermittelt, der mir einen Platz im Eckchen zuwies. Ich erzählte natürlich, dass ich auf Radtour sei und unbedingt eine Stärkung vorher brauchte. Er wies mich ins Buffet ein, was wirklich hervorragend war, brachte mir einen Tee und ich war glücklich.

Später kam er noch mal an meinen Tisch, wo ich ihm nähere Details meiner Unternehmung verriet. Ohne großes Aufsehen erregen zu wollen (deswegen auch keine Namen ;-)), verzichtete er einfach auf die Berechnung für das Frühstück und entließ mich mit guten Wünschen.

Der Tag konnte ja nur gut werden! Also auf die Strecke. Gut beschildert aus Inverness heraus schlug ich die Sommerroute ein. Die Sommerroute nutzt eine Fährverbindung zwischen Cromarty und Nigg, die nur im Sommer betrieben wird.

Ohne giftige Steilstücke ging es wunderbar aussichtsreich über den Hügel. Nach ca. 40 km erreichte ich Cromarty, den Fähreableger. Aber was war das? Weit und breit keine Fähre, nur ein Schild mit Telefonnummer, wo sie mir auch bestätigten, dass der Service momentan eingestellt sei und ab Anfang August eine neue Fähre den Dienst aufnehmen würde. Suuuper, 40 km mit Bergwertung, und das soll ich jetzt wieder zurück? Nie und nimmer.

Ich fragte mich am Hafen durch und tatsächlich war gerade ein freundlicher Herr mit einem Boot in den Hafen gekommen, der mich rüber fahren wollte. Gepäck abgeladen, aufs Boot gepackt, mein Rad schräg unter den Mast verteilt, und ab ging es. Er hatte noch einen Helfer mitgenommen, da an der anderen Seite kein wirklicher Boots-Anleger, sondern nur ein ziemlich hoher Steg war. Mit vereinten Kräften hatten wir bald Rad und Gedöns auf diesem sehr baufälligen Steg.

boot

Rad und Gedöns durften Boot fahren

Ich winkte den beiden freundlichen Herren noch zurück und begann, Gedöns und Rad nach oben auf den Steg zu hieven. Aber Hilfe, was musste ich da sehen? Trotz uraltem, morschen Steg mit wirklich keinerlei wertvoller Materie war der Ausgang mit einem über 2 m hohen abgeschlossenen Tor gesichert, oben Stacheldraht und die Seiten ebenfalls mit ordentlich Stacheldrahtverhauen abgesichert. Kein Durchkommen. Abgeschlossen mit einem Vorhängeschloss.

Gatter

Gedöns drüben, aber wir konnten nicht raus!

Ich machte mich bei zum Glück gerade vorbei kommenden Passanten bemerkbar, die die Ansässigen verständigten. Es wurde diskutiert, ob man die Polizei rufen solle, die aber auch 40 Meilen anfahren müsste. Dann kam Alex, ein lieber älterer Herr, der direkt dort wohnte,  mit einem Seil vorbei und schilderte mir seinen Plan. Ich fand auf meiner Seite eine Leiter, wo ich ihm das Gedöns durchreichte, die einfachste Übung. Der Versuch, das Rad über das Gatter zu heben, scheiterte. Alex machte den Vorschlag, unter den Steg am Strand mit dem Seil das Rad herunter zu lassen, was nach der Entfernung von ein wenig Stacheldraht ganz gut ging. Dann war nur ich noch ‘drinnen’. Ich wollte zuerst über das Gatter klettern, aber drei Reihen Stacheldraht sind einfach schlecht für Klettereien. So knüpfte Alex mit einem ordentlichen Palstek eine Schlaufe, das Seil lenkten wir über das Geländer um, ich steckte einen Fuß in die Schlaufe und er ließ mich am Seil koordiniert die gut 3 m herunter. Geschafft! Ich war so froh, ich bin ihm spontan um den Hals gefallen.

Dann lud er mich noch zu einer beruhigenden Tasse Tee zu sich ins Häuschen ein, was ganz wunderbar direkt am Wasser liegt. Seine Frau Julia servierte mir noch Kekse, ich erzählte noch ein wenig über mein Vorhaben und mein Puls geriet wieder in normale Bereiche.

Der Rest des Tages war dann eher unspektakuläres recht flaches Rollen, meist am Wasser entlang. Mein gebuchtes Hostelbett wartete im Carbisdale Castle auf mich, und die Ankunft dort rundete den Tag wirklich ab! Völlig ruhig gelegen, ein richtiges Schloss mit 365 Fenstern, anfang des 20. Jahrhunderts für die Duchess Blair erbaut. Seit dem Ende des 2. Weltkriegs wird es als Jugendherberge genutzt, ein unglaublich großzügiges Raumgefühl für eine Jugendherberge, und Marmorstatuen hatte ich jetzt auch noch in keinem Hostel.

carbisdale

Hat schon was, nach getaner Arbeit durch solch ein Tor zu rollen.

8 Comments leave one →
  1. 26.07.2010 11:25

    Hallo Daggi,
    am Bodensee wohnt doch noch ein zweiter Radfahrer, der ein Buch schreiben will über seine Radsporterlebnisse. Warum tust Du Dich nicht mit dem zusammen? Wahrscheinlich fährt der zwar immer noch besser Fahrrad als Du, aber dafür schreibst Du bestimmt besser als er.
    Grüßle,
    Jürgen

  2. Udo permalink
    25.07.2010 15:05

    Hi Dagmar,

    auch ich lese Deine packende Geschichte regelmäßig und muss mich meinen Vorrednern anschießen: hat echt Potenzial in nem Buch verfasst zu werden …🙂

    Viele Grüße und weiterhin “good luck”,
    Udo

  3. Sonja permalink
    25.07.2010 08:23

    Mensch Dagmar!!!! Mein Ruhepuls! Alex hat dafür bestimmt ein paar Pluspunkte auf seinem Karmakonto gesammelt, oder! Was für überaus nette Menschen es doch einfach überall auf der Welt gibt.

  4. 24.07.2010 21:27

    Ich denke, die nächsten Tage werden wieder geruhsamer, die nächsten Fähreüberfahrten sind gebongt…

  5. michallein permalink
    24.07.2010 21:25

    Hammer! Hätte ich das in einem Buch gelesen, ich hielte die Geschichte für unglaubwürdig!😀

  6. ichhebgleichab permalink
    24.07.2010 21:00

    Das entwickelt sich ja langsam zu einem richtigen Abenteuer

  7. ichhebgleichab permalink
    24.07.2010 21:00

    Das entwickelt sich ja langsam zu einem richtigen Abenteuer🙂

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