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Überstunden

22.07.2010

Maud – Turriff – Banff – Cullen – Elgin

122 km

Alles Daumendrücken hatte gewirkt: am Morgen machten die letzten dunkelgrauen Wolken mehr und mehr leuchtend blauem Himmel Platz.

Selten waren meine Pläne bezüglich des Etappenziels so unklar: das nächste Hostel war erst in Elgin, was über 100 km bedeutete. Der letzt größere Ort, der nach Übernachtungsmöglichkeiten oder Campingplatz aussah, war über 30 km vorher. Und ehrlich gesagt – heute morgen herrschten vermutlich nicht mal zweistellige Temperaturen nach diesem Wettersturz. Und so wirklich warm ist mein Schlafsack nicht, so dass ich hier im Norden schon gern ein richtiges Bett mit Dach drüber habe.

Um kurz nach neun, also schon relativ spät, startete ich dann vom Station Hotel. Man merkte heute zusehens, dass die Zivilisation hier dünner wird. Vermutlich gibt es hier inzwischen mehr Rinder als Menschen, ich hatte heute zahlreiche Herden beidseits des Weges. Und die schauen alle immer sehr interessiert zu, wenn ich mich gerade wieder einen Hügel herauf arbeite.

So zog sich der Weg über aussichtsreiches im wesentlichen landwirtschaftliches Gelände, was nette bunte Muster im Landschaftsbild ergibt. Immer wieder schöne Rundblicke, heute wieder oft mit viel steil erarbeitet. Aber man gewöhnt sich auch ans ständige Hügelauf-Pedalieren.

In Turriff legte ich eine erste Scone- und Teepause ein. Eine nette holländische Familie war ebenfalls im Cafe und wir verquatschten uns eine ganze Weile. So wird das nichts, mit Elgin!

Also weiter. Die Karte versprach Routenführung durch ein Flusstal. Sehr nett, aber auch hier steile Uferhügel. Irgendwann erreichte ich in Banff wieder die Küste. Jawohl, hier gibt es auch einen Ort dieses Namens, nicht nur in Kanada. Es handelt sich aber um einen schönen, aber eher verschlafenen kleinen ehemaligen Hafenort.

Den Küstenorten hier merkt man die Abgelegenheit nun doch ein wenig an: die Zeit der großen mondänen Touristenorte scheint vorbei zu sein. Allesamt kleine gemütliche Städtchen mit ein bisschen Tourismus, aber so weit nach Norden kommen die großen Massen definitiv nicht mehr.

Nach weiterem auf und ab kam ich nach Cullen. Hier wollte ich nun endlich entscheiden, wohin mich der Tag noch führen sollte. Der Gang ins Tourist Office, um einee Liste der Unterkünfte an der Küste zu bekommen, schlug erst mal fehl – es gab schlicht und ergreifend keine derartige Liste. Erst mal noch mal einen Kaffee trinken gehen. Ich hatte mir gestern die Telefonnummer des Backpackers in Elgin notiert – probieren wwir es halt mal dort. Und tatsächlich, sie hatten noch ein Bettchen für mich. Es ging allerdings schon gegen 5 Uhr – also nichts wie reinhauen, es waren noch mal 37 km.

Aus Zeitnot verbot ich mir ein Fotoshooting der imposanten ehemaligen Eisenbahnviadukte. Im nächsten Ort war die Sicht auf im Meer endende Straße aber so nett, dass mir doch ein Foto erlaubte. Aber oh Schreck! Keine Kamera! Laut das hässliche Wort mit ‘Sch’ am Anfang brüllend blieb mir nichts anderes übrig, als die ca. 3 km wieder zurück zu fahren. Dadurch fand ich allerdings auch heraus, dass der Fahrradweg über die Viadukte verlief – man kann allem auch etwas gutes abgewinnen.

Dann also noch mal die restlichen 37 km angegangen. Gotteidank rollten diese letzten km wirklich schön flach, teilweise wieder einmal auf ehemaliger Bahnstrecke, zum Teil direkt an der Küste. Ein extrem schöner Abschnitt, normal hätte ich hier bestimmt die halbe Speicherkarte voll mit Fotos gemacht!

In meiner relativen Hektik übersah ich dann noch das eine oder andere Schild, so dass ich endlich gegen 20:00 Uhr von meinem GPS direkt vor das Backpackers geführt wurde. Nachdem ich kapiert hatte, dass es sich um das Obergeschoss eines Pubs handelte, vor dem ich direkt stand, konnte ich endlich landen. Nach der verdienten Dusche bin ich nun im Italiener nebenan, wo ich eine Extra-Radler-Portion Spaghetti Bolognese bekam und mir der Wirt sogar das Bier spendierte, nachdem ich von meiner Heldenetappe und der ganzen Unternehmung erzählte!

6 Comments leave one →
  1. Paul permalink
    23.07.2010 19:52

    Well done so far, you aren’t very far from the top of the UK.
    Please let me know when you are on the way down as i’d love to ride with you when if you come back through Lincoln.
    Paul

    • 23.07.2010 21:47

      Hi Paul,
      I will cycle southbound in Norway, not in England, so maybe next time I visit your country!

  2. Die andere Ute permalink
    23.07.2010 08:26

    Hi Jürgen,

    lass doch mal das Sticheln. Das hat unsere Nordseeumradlerin nicht verdient!

    Die andere Ute

    • 23.07.2010 14:06

      Hallo andere Ute,
      wenn Du wüßtest, wie oft die Daggi mir meinen Lenker- und meinen Gabelbruch schon unter die Nase gerieben hat, dann hättest Du allertiefstes Verständnis für meine Hinweise auf die Unvollständigkeit ihrer Rundfahrt.
      Und ansonsten ist es natürlich trotzdem eine großartige Sache, wie sie trotz Regen und Gegenwind rund um die Nordsee radelt und uns alle daran teilhaben läßt. Aber das habe ich ja auch schon zum Ausdruck gebracht. Und zuviel Lobhudelei tut ihr nicht gut!
      Grüßle,
      Jürgen

      • 23.07.2010 19:14

        Keine Sorge, ich hätte genau so viele dumme Sprüche bei Herrn N. auf Lager😉 Das gehört zum Spiel!

  3. 23.07.2010 06:59

    Aber Du willst jetzt hoffentlich nicht die Verfahrerei gegen die Zugetappen gegenrechnen?

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