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Von Bergidylle zu Großstadt

18.07.2010

Walkerburn – Innerleithen – Edinburgh – Inverkeithing

92 km

Dieser Tag war zweigeteilt, und zwar so extrem wie noch keiner zuvor.

Zu Beginn des Tages stand eine richtiggehende Bergetappe an: es ging über die Moorfoot Mountains. Ich habe heute auf 407 m. ü. M meinen bisherigen höchsten Punkt überradelt.

Das Gefühl, sich in den Schweizer Voralpen zu befinden, wurde heute morgen bestätigt. Mit wachsender Höhe hatte man sogar das Gefühl, auf über 1000 m Höhe zu sein, da die Vegetation hier schon in geringer Höhe recht karg ist: Kahle, steile Wiesenhänge übersät mir weißen Punkten, die unkoordiniert durcheinander blöken. Hin und wieder einzelne Höfe, die sich im Schutz weniger Bäume vor dem Wind ducken. Und hier trifft man die Unterart der panischen angelsächsischen Schafen an, die bei Annäherung mit dem Fahrrad sofort hektisch das Weite suchen. Gar kein Vergleich zu den völlig entspannten kontinentalen Schafen, die selbst bei wilder Klingelei oft fast nicht aus dem Weg gehen.

bergidylle

Bergidylle pur

Die Kurbelei bis auf die Passshöhe ging erstaunlich gut, der Anstieg war flach und der Wind freundlich im Rücken. Bald war die erste Höhe erreicht, von der die ersten paar Kilometer Abfahrt für Hochgefühle sorgten. Es folgte nochmals ein kleiner Anstieg. Dann wurde aber wirklich der Blick auf die andere Seite frei: Edinburgh und der Firth of Forth breiteten sich in prachtvollem Panorama vor einem aus.

Die Höhenmeter nach und nach alle wieder abgebend durfte ich so manchen Kilometer einfach vor mich hin rollen. Selbstverständlich hatten aber auch hier die Schotten dafür gesorgt, dass die Muskeln warm bleiben. Die eine oder andere steile Querrippe musste überwunden werden.

Dann folgte aber ein abrupter Wechsel zu urbaner Umgebung. Ziemlich lange bin ich durch städtisches Gebiet gerollt, wobei heute wirklich viele km auf genial ausgebauten ehemaligen Bahnstrecken anfielen. Einmal fuhr man sogar durch einen Tunnel, mehrere 100 m lang! Bis auf eine Brücke mit Stufen, aber ohne Rampe war das alles sehr gut beschildert, zu finden und ohne viel Drumrumfädel-Gatter oder seltsamer Straßenübergänge.

tunnel

Ich war ein Eisenbahntunnel und bin jetzt ein Radeltunnel

Und so fährt man völlig verkehrsfrei mitten nach Edinburgh, wo einem abrupt der Schlag trifft: Unglaublich riesige Gemäuer, unglaublich viel Verkehr, viele dieser monströsen Doppeldeckerbusse und Millionen von Touristen. Völlig erschlagen versuchte ich die Tourist Information zu finden, was mir nach vielen Fehlabbiegern tatsächlich gelang. Eigentlich ganz einfach, aber alles viel zu groß hier. Man hat es auch nicht geschafft, mir eine Unterkunft zu buchen.

Bei einem Kaffee im Starbucks versuchte ich das selbst – Fehlanzeige. Ein Festival in St. Andrews sorgt für viele Besucher zur Zeit. OK, ich sah auf der Karte einen Campingplatz, das müsste zur Not klappen.

Dann also so schnell wie möglich wieder aus diesem Moloch raus – nach dem einen oder anderen Fehlversuch fand ich sogar den ‘Eintritt’ zur Radelroute zwischen zwei riesigen Gebäuden. Und dann war wieder viel ehemalige Bahnstrecke anngesagt, aber auch widerlicher Radweg direkt neben der Autobahn. Nicht nur laut, sondern meistens haben diese Wege eine extrem schlechte Oberfläche. Der heute auch.

Irgendwann schob sich aber tatsächlich das letzte urbane Highlight des Tages ins Bild: Die Forth Bridge. Wie die Humber Bridge eine imposante Hängebrücke. Wunderbar den Radweg auf der Ostseite gefunden, wie in der Karte empfohlen – aber oh nein! Die Ostseite war geperrt, wegen Bauarbeiten. Ein großes Schild befahl Fahrradfahrern die Unterführung zu nehmen und auf der anderen Seite über die Brücke zu radeln. Nur war da mal wieder nur eine extrem steile Treppe und selbstverständlich keine Rampe oder ähnlich praktisches für’ Behinderte’ wie mich & mein Rad. Örks.

OK, ich habe das Gedöns halt abgeladen, alles einzeln runter getragen, auf der anderen Seite das Spiel nochmal. Stunden später bin ich über die Brücke geradelt und kam nach Inverkeithing, wo ich auch nach einmal Fragen ein bezahlbares B&B mit lila Satindecken fand. Ein eher grauer Ort mit wenig Glanz und im wesentlichen echten Einheimischen.

http://farm5.static.flickr.com/4075/4805566313_20e2f3d7a1.jpg

sicht

Blick auf Edinburgh und den Firth of Forth

5 Comments leave one →
  1. 19.07.2010 17:37

    Liebe Dagmar, habe jetzt schon einiges durchgelesen und bin voll der Bewunderung.
    Was muß das schön sein so mit dem Rad unterwegs zu sein.
    Ich werd das noch alles zuende lesen und Dich dann lesend begleiten.
    bis bald Ute

  2. 19.07.2010 08:17

    Ahoi,
    ich hatte die Hoffnung, dass ich mich heute darüber mockieren kann, dass die “Forth Bridge” KEINE Hängebrücke ist, sondern eine Auslegerbrücke. Dann musste ich jedoch feststellen, dass es neben der weltbekannten “Forth Bridge” noch die ebenfalls erwähnenswerte “Forth Road Bridge” gibt, bei der es sich tatsächlich um eine Hängebrücke handelt.
    Insofern schaue ich Dir diese kleine Ungenauigkeit nach und nutze den Tag, um meinen ehrlichen Neid über Deine Radtour zum Ausdruck zu bringen. Insbesondere, wo es jetzt endlich etwas hügeliger wird.
    Grüßle,
    Jürgen

  3. Jörg permalink
    18.07.2010 21:07

    Dagmar, halt durch. Heute bin ich das erste Mal auf deiner Seite. Ich muss sagen, das ist sehr unterhaltsam. Da lese ich doch gerne und schöne schöne Bilder gibt es bei dir zu sehen.

    Ich frage mich nur, wie du das machst, ca. 100km am Tag radeln, dann den ganzen Text schreiben, Bilder hochladen… Hast du da noch Zeit für ein abendliches Getränk?

    Gute Fahrt

    • 18.07.2010 21:20

      Also für ein Bier (mindestens) abends hat es immer gereicht😉

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